Gansabhauet Sursee – ein einzigartiger Brauch am Martinstag
Wer am 11. November durch die Surseer Altstadt geht, erlebt einen Tag, der sich deutlich von anderen Tagen im Jahreskalender unterscheidet. Vor dem historischen Rathaus versammeln sich zahlreiche Besucherinnen und Besucher, Trommeln erklingen und mitten im Städtchen wird ein jahrhundertealter Brauch lebendig: die Gansabhauet von Sursee.
Die Veranstaltung gehört zu den bekanntesten Traditionen der Stadt und ist weit über die Region hinaus bekannt. Gleichzeitig polarisiert sie – denn bei der Gansabhauet stehen zwei bereits getötete Gänse im Mittelpunkt.
Doch hinter dem ungewöhnlichen Schauspiel steckt weit mehr als der namensgebende Schlag mit dem Säbel. Die Gansabhauet ist Teil der Geschichte Sursees und verbindet Brauchtum, Martinstag, Volksfest und lokale Tradition.
Was geschieht bei der Gansabhauet in Sursee?
Am Nachmittag des 11. November treten ausgeloste Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf einer Bühne vor dem Rathaus Sursee an.
Ihre Aufgabe klingt zunächst einfach: Eine aufgehängte, bereits tote Gans soll mit einem einzigen Schlag eines stumpfen Dragonersäbels heruntergeschlagen werden. Tatsächlich ist das wesentlich schwieriger.
Die Teilnehmer tragen den traditionellen roten Umhang und die auffällige goldene Sonnenmaske. Ihr Sehvermögen wird zusätzlich eingeschränkt. Nach einigen Drehungen um die eigene Achse müssen sie sich orientieren, die Position der Gans ertasten und anschliessend ihren einzigen Säbelhieb ausführen.
Gelingt der Schlag nicht, kommt die nächste ausgeloste Person an die Reihe. Insgesamt werden traditionell zwei Gänse vergeben. Die erfolgreichen Teilnehmer erhalten die jeweilige Gans als Preis.
Woher stammt die Gansabhauet?
Gerade dieser Punkt ist besonders spannend: Der genaue Ursprung der Gansabhauet ist bis heute nicht geklärt.
Eine häufig genannte Erklärung führt zum Martinstag und zu den früheren Naturalabgaben zurück. Am 11. November wurden vielerorts Abgaben und Zehnten fällig. Die grossen Klöster Muri, St. Urban und Einsiedeln verfügten in der Region Sursee über umfangreichen Besitz.
Es erscheint deshalb durchaus denkbar, dass Gänse im Zusammenhang mit diesen Abgaben und anschliessenden Festlichkeiten eine Rolle spielten. Historisch eindeutig bewiesen ist diese Erklärung allerdings nicht. Die Stadt Sursee weist ausdrücklich darauf hin, dass ein direkter Zusammenhang zwischen den mittelalterlichen Zehntenabgaben und der heutigen Gansabhauet nicht ausreichend belegt ist.
Ähnliche Bräuche rund um Gänse waren früher zudem in verschiedenen Teilen Europas verbreitet.
Eine Gans war früher ausgesprochen wertvoll
Aus heutiger Sicht wird manchmal übersehen, welchen wirtschaftlichen Wert eine Gans vor einigen Jahrhunderten hatte.
Sie lieferte nicht nur Fleisch. Auch Gänseschmalz, Daunen und Schreibfedern waren begehrte Produkte. Nach Angaben der Stadt Sursee entsprach der Wert einer Gans vor rund 300 Jahren ungefähr zwei Tageslöhnen eines Arbeiters.
Der Gewinn einer Gans war deshalb keineswegs bloss symbolisch. Die erfolgreiche Teilnehmerin oder der erfolgreiche Teilnehmer gewann tatsächlich einen wertvollen Preis – und zugleich die Grundlage für ein festliches Essen.
Verschwunden und wiederbelebt
Auch traditionelle Bräuche bleiben nicht unverändert.
Nach Angaben der Stadt Sursee verschwand die Gansabhauet 1823 aus dem örtlichen Brauchtum. Erst 41 Jahre später, im Jahr 1864, wurde sie wieder eingeführt. Seither gehört sie wieder fest zum Martinstag in Sursee.
Eine weitere wichtige Entwicklung folgte um 1880. Damals begann sich die Surseer Fasnachtszunft Heini von Uri für die Veranstaltung zu engagieren. Aus dieser Zeit stammen auch verschiedene Elemente, die heute fest mit der Gansabhauet verbunden sind.
Seit 1880 gehören der rote Mantel und die Sonnenmaske zum Erscheinungsbild der Schlägerinnen und Schläger. Gleichzeitig kamen traditionelle Kinderspiele hinzu.
Chäszänne, Stangechlädere und Sackgompe
Die eigentliche Gansabhauet bildet nur einen Teil des Festtages.
Zwischen den einzelnen Säbelhieben gehört die Bühne den Kindern. Beim Chäszänne schneiden die Kleinen möglichst eindrucksvolle Grimassen und erhalten dafür traditionell ein Stück Käse.
Beim Stangechlädere versuchen Kinder und Jugendliche eine mehrere Meter hohe, glatte Holzstange zu erklimmen und oben befestigte Preise zu erreichen.
Auch das Sackgompe, ein traditionelles Sackhüpfen, gehört zum Rahmenprogramm.
Damit hat sich die Gansabhauet über Generationen hinweg zu einem Volksfest entwickelt, bei dem unterschiedliche Surseer Traditionen zusammenkommen.
Der Räbeliechtliumzug durch die Surseer Altstadt
Wenn es am Martinstag langsam dunkel wird, folgt ein weiterer stimmungsvoller Teil des Tages.
Kinder ziehen mit ihren beleuchteten und verzierten Räbenlaternen durch die Gassen der Surseer Altstadt. Der Räbeliechtliumzug ergänzt seit vielen Jahren die Gansabhauet und bildet einen ruhigen Kontrast zum Spektakel vor dem Rathaus.
Die Gansabhauet auf einer Schweizer 10-Franken-Gedenkmünze
Eine ganz besondere numismatische Würdigung erhielt der Surseer Brauch im Jahr 2014.
Die Eidgenössische Münzstätte Swissmint widmete der Gansabhauet eine offizielle Schweizer 10-Franken-Gedenkmünze. Sie gehört damit zu den wenigen lokalen Schweizer Traditionen, die auf einer offiziellen Bundesmünze verewigt wurden.
Die Bimetallmünze wurde von Thyl Manuel Eisenmann aus Luzern gestaltet und am 30. Januar 2014 ausgegeben.
Technische Daten der 10-Franken-Münze «Gansabhauet»
| Merkmal | Daten |
|---|---|
| Nennwert | 10 Franken |
| Ausgabejahr | 2014 |
| Thema | Gansabhauet Sursee |
| Material | Bimetall |
| Legierung | Kupfer-Nickel / Aluminiumbronze |
| Gewicht | 15 g |
| Durchmesser | 33 mm |
| Gestaltung | Thyl Manuel Eisenmann, Luzern |
| Ausgabetag | 30. Januar 2014 |
| Auflage unzirkuliert | max. 90’000 Exemplare |
| Polierte Platte | max. 11’000 Exemplare |
Diese technischen Angaben stammen direkt aus den damaligen Informationen der Swissmint.
Gerade für Münzensammler ist diese Ausgabe interessant, weil sie Schweizer Numismatik und Surseer Lokalgeschichte unmittelbar miteinander verbindet.
Tradition zwischen Faszination und Diskussion
Die Gansabhauet ist zweifellos ein ungewöhnlicher Brauch. Entsprechend wird immer wieder darüber diskutiert, ob eine solche Tradition noch in die heutige Zeit passt.
Für die einen ist sie ein bedeutendes Stück Surseer Kulturgeschichte, das über Generationen weitergegeben wurde. Andere betrachten insbesondere den Umgang mit den toten Gänsen kritisch.
Beide Sichtweisen gehören heute zur öffentlichen Wahrnehmung des Brauchs.
Unabhängig von dieser Diskussion ist die Gansabhauet eng mit der Geschichte und Identität der Stadt Sursee verbunden. Sie zeigt besonders eindrücklich, wie sich historische Traditionen über Jahrhunderte verändern und dennoch weiterbestehen können.













